Teil 5 – Sicherheitstechnik im Schaltschrank modular denken
Wie flexible Sondermaschinen schneller projektierbar werden

Sondermaschinen ändern sich häufig. Varianten, Optionen, kundenspezifische Anpassungen. Wenn Sicherheitstechnik jedes Mal neu entsteht, wird der Schaltschrank unübersichtlich. Ein modular aufgebautes Sicherheitskonzept beschleunigt die Projektierung, macht die Dokumentation klarer und hält Umbauten beherrschbar.

1. Warum ein modulares Sicherheitskonzept wichtig ist

Im Sondermaschinenbau treten drei typische Herausforderungen auf

  • Viele Varianten
    Kunden fordern zusätzliche Stationen, andere Zuführungen oder neue Bearbeitungsprozesse.
  • Kurze Projektlaufzeiten
    Schaltschränke müssen früh geplant werden, während die Mechanik oft noch in Bewegung ist.
  • Nachträgliche Anpassungen
    Retrofits, Erweiterungen und neue Funktionen, häufig unter Termindruck.

Wenn Sicherheitsfunktionen projektweise individuell zusammengestellt werden, entstehen Verzögerungen und Fehler. Die Dokumentation wird unübersichtlich.

Ein modularer Ansatz löst das. Sicherheitstechnik wird nicht nur pro Projekt gedacht. Funktionsmodule mit klaren Sicherheitsfunktionen werden definiert. Jedes Modul enthält wiederverwendbare Konzepte für Hardware, Software und Dokumentation.

2. Was ist ein Sicherheitsmodul

Ein Sicherheitsmodul ist ein abgegrenzter Maschinenteil mit eigenen Gefährdungen und klaren Sicherheitsfunktionen.

Beispiele:

  • Zuführmodul mit Vereinzelung und Schutztür
  • Bearbeitungsstation mit Presse oder Achse
  • Handarbeitsplatz mit Zweihandbedienung
  • Übergabestation mit Lichtschranke

Für jedes Modul werden festgelegt:

  • Sicherheitsfunktionen
    Zum Beispiel Not Halt, Schutztürüberwachung, sichere Geschwindigkeitsbegrenzung.
  • Hardwareaufbau
    Sensoren, Aktoren, Sicherheits SPS Baugruppen, Schütze, Klemmen.
  • Standard Schaltpläne
    Mit definierter Struktur, Kennzeichnung und Klemmenbild.
  • Softwarebausteine
    Standardisierte Sicherheitsbausteine in der Sicherheits SPS mit klaren Schnittstellen.
  • Dokumentation
    PL oder SIL Nachweis, Prüfabläufe, Beschreibung der Sicherheitsfunktionen.

So wird aus Einzelprojekten ein Baukasten.

3. Aufbau eines modularen Sicherheitskonzeptes im Schaltschrank

3.1 Struktur in Sicherheitszonen

Die Maschine wird in Zonen aufgeteilt, die im Gefahrenfall separat stillgesetzt werden können.

Typische Zonen:

  • Zuführung
  • Bearbeitung
  • Übergabe oder Handling
  • Auslauf oder Palettierung

Jede Zone erhält eigene Sicherheitsfunktionen und Abschaltorgane, zum Beispiel eine eigene Schützgruppe oder sichere Ausgänge.

Vorteile:

  • gezielte Abschaltung nur der betroffenen Zone
  • vereinfachte Fehlersuche
  • klare Zuordnung in der Dokumentation

3.2 Standardmodule im Schaltschrank definieren

Im Schaltplan werden definierte Module angelegt, zum Beispiel:

  • Modul Sicherheitsversorgung und Diagnose
  • Modul Schutztürüberwachung
  • Modul Zweihandbedienung
  • Modul Antriebssicherheit, STO, SLS, SS1
  • Modul Not Halt Kreis

Für jedes Modul sind festzulegen:

  • Klemmenbild
  • Baugruppen und Schütze
  • Führung von Diagnose und Rückführsignalen
  • Anbindung an die Sicherheits SPS

Diese Module lassen sich in E CAD Systemen als Makros speichern und wiederverwenden.

3.3 Softwarebausteine in der Sicherheits SPS

Zur Hardware im Schaltschrank passt eine modulare Software in der Sicherheits SPS.

Grundprinzip:

  • Für jede Sicherheitsfunktion existiert ein standardisierter Funktionsbaustein.
  • Ein Baustein bildet Logik und Diagnose für ein Modul ab.
  • Schnittstellen sind klar definiert, zum Beispiel Signale von Türschaltern, Not Halt Tastern, Antrieben.

Typische Bausteine:

  • SF_TuerModul
  • SF_NotHaltKreis
  • SF_Zweihand
  • SF_Achse_SLS
  • SF_Zustimmgerät

Jeder Baustein wird einmal validiert und dokumentiert. Im Projekt werden Parameter und Instanzierung angepasst.

4. Beispiel, modulares Konzept für eine flexible Sondermaschine

Ausgangssituation
Die Sondermaschine besteht aus:

  • Zuführmodul
  • Bearbeitungsstation mit Achse
  • Handarbeitsplatz zur Kontrolle
  • Auslauf mit Schutzfeld

4.1 Sicherheitsmodule definieren

Sicherheitsmodul 1, Zuführmodul

  • Schutztür mit Zuhaltung
  • Sicherheitsfunktion SF1, Schutztür stillsetzt Achse Zuführung
  • Schaltschrank, Türschalter, Eingänge Sicherheits SPS, Schützgruppe Zuführung

Sicherheitsmodul 2, Bearbeitungsstation

  • Gefährliche Achse
  • Sicherheitsfunktionen SF2 Not Halt, SF3 sichere Stillsetzung, SF4 sichere Geschwindigkeit
  • Schaltschrank, sichere Antriebsbaugruppe, Sicherheits SPS, zweikanalige Schützgruppe, Rückführung

Sicherheitsmodul 3, Handarbeitsplatz

  • Zweihandbedienung
  • Sicherheitsfunktion SF5, Zweihand startet nur bei geschlossener Tür und sicheren Bedingungen
  • Schaltschrank, Zweihand Taster, Sicherheits SPS, logische Verknüpfung mit Tür und Antrieb

Sicherheitsmodul 4, Auslauf

  • Lichtvorhang oder Laserscanner
  • Sicherheitsfunktion SF6, Abschaltung bei Zutritt ins Gefahrenfeld
  • Schaltschrank, sichere Eingänge, Abschaltpfad für Antrieb und Aktoren im Auslauf

4.2 Umsetzung im Schaltschrank

Je Modul wird ein Bereich im Schaltschrank vorgesehen:

  • Modul 1 mit Klemmen und Geräten in einem definierten Feld
  • Modul 2 mit eigener Antriebssektion und Schützgruppe
  • Modul 3 mit Komponenten des Handarbeitsplatzes
  • Modul 4 mit sicheren Eingängen der Schutzfeldsensorik

Eine einheitliche Kennzeichnung hilft, zum Beispiel M1_xx für Modul 1, M2_xx für Modul 2.

4.3 Umsetzung in der Sicherheits SPS

Jedes Modul erhält eine eigene Instanz eines Standardbausteins:

  • SF_TuerModul für M1
  • SF_Achse_SLS und SF_NotHalt für M2
  • SF_Zweihand für M3
  • SF_Schutzfeld für M4

In der Hauptlogik werden die Module über wenige Freigabe und Diagnose Signale verknüpft.

Vorteile:

  • Zusatzmodule lassen sich später einfacher ergänzen.
  • Änderungen betreffen nur lokale Bausteine.
  • Die Dokumentation ist pro Modul klar abgegrenzt.

5. Diagnose und Instandhaltung verbessern

Modularer Aufbau unterstützt die Instandhaltung. Wenn im Schaltschrank je Modul erkennbare Bereiche existieren, wird die Fehlersuche einfacher.

Wichtige Punkte:

  • Pro Modul Diagnosemelder oder Signale auf das HMI führen.
  • Störungen pro Modul anzeigen, zum Beispiel Schutztür Modul 2 geöffnet oder Not Halt Kreis Modul 3.
  • Rückführkreise je Modul ausführen, keine Sammelkreise.

So lässt sich schneller bestimmen, wo zu prüfen ist.

6. Retrofit und Erweiterungen beherrschbar machen

Sondermaschinen haben lange Lebenszyklen. Retrofit und Erweiterungen sind häufig. Ein modularer Sicherheitsaufbau erleichtert das.

Praxisvorgehen:

  • Neues Modul planen
    Die neue Station wird als zusätzliches Sicherheitsmodul definiert. Hardware, Softwarebausteine und Dokumentation orientieren sich am vorhandenen Baukasten.
  • Auswirkungen bewerten
    Es wird geprüft, wie das neue Modul andere Module beeinflusst. Betroffen sind Sicherheitszonen, Not Halt Kreise, Versorgungen.
  • Dokumentation ergänzen
    Schaltpläne, PL oder SIL Nachweise und Prüfprotokolle werden pro Modul ergänzt. Anpassungen an bestehenden Modulen sind nur an betroffenen Schnittstellen nötig.

7. Cybersecurity als Randbedingung

Sobald Fernwartung oder vernetzte Diagnose vorhanden ist, spielt Cybersecurity eine Rolle. Ziel ist kein umfassendes IT Sicherheitskonzept. Ziel ist der Schutz der Sicherheitsfunktionen vor offensichtlicher Manipulation.

Praxisnahe Maßnahmen:

  • Fernwartungszugänge klar definieren und auf wenige Komponenten beschränken.
  • Benutzerrechte und Passwörter im Engineering und an Panels konsequent verwenden.
  • Netzwerke segmentieren, zum Beispiel ein separates Maschinennetz.
  • Dokumentieren, welche Sicherheitsfunktionen über das Netzwerk beeinflussbar sind und welche nicht.

Diese Punkte lassen sich modulbezogen umsetzen. Jede Sicherheitszone erhält klare Regeln für zulässige Zugriffe.

8. Konkrete Schritte für das Unternehmen

  • Standardmodule definieren
    Eine Liste typischer Maschinenfunktionen erstellen und daraus Sicherheitsmodule bilden.
  • Schaltplanmakros und Softwarebausteine aufsetzen
    Makros und Standardbausteine im Engineering anlegen. Pflege wie bei Produkten statt wie bei Einmalprojekten.
  • Dokumentationsstruktur nach Modulen aufbauen
    Sicherheitsfunktionen, Berechnungen und Prüfprotokolle pro Modul bündeln.
  • Checkliste für Projektierung und Retrofit einführen
    Festlegen, wie neue Projekte und Erweiterungen an den Baukasten angelehnt werden.

Ein modular gedachtes Sicherheitskonzept im Schaltschrank schafft Tempo, Qualität und Nachvollziehbarkeit.
Besonders im Sondermaschinenbau entsteht so ein skalierbarer Ansatz.