Teil 1 – Von der Maschinenrichtlinie zur EU-Maschinenverordnung 2023/1230 und ihre Bedeutung für den Schaltschrankbau
2027 endet die Ära der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG. An ihre Stelle tritt die EU-Maschinenverordnung 2023/1230. Für Sondermaschinenbau und Schaltschrankbau ist das kein theoretisches Thema, sondern ein klares To do. Wer sich frühzeitig vorbereitet, vermeidet Stress bei Audits, Abnahmen und Retrofit Projekten.
1. Kurzüberblick, was sich rechtlich ändert
Die bisherige Maschinenrichtlinie ist ein EU Richtlinienrahmen. Die Mitgliedsstaaten müssen sie in nationales Recht umsetzen.
Die neue EU Maschinenverordnung 2023/1230 ist direkt geltendes Recht in allen Mitgliedsstaaten. Nationale Abweichungen werden reduziert, der Rechtsrahmen wird einheitlicher.
Wichtige Eckdaten
Maschinen, die vor diesem Stichtag konform zur Maschinenrichtlinie in Verkehr gebracht wurden, verbleiben im Markt. Bei Umbauten kann jedoch die neue Verordnung relevant werden.
2. Betroffene Rollen im Sondermaschinenbau und Schaltschrankbau
Im Umfeld Sondermaschinenbau und Schaltschrankbau betreffen die neuen Regeln mehrere Gruppen
Für Konstruktion und Projektleitung im Bereich Schaltschrankbau bedeutet dies
3. Zentrale Neuerungen mit Bezug zum Schaltschrankbau
3.1 Stärkerer Fokus auf Software und Steuerungen
Die Verordnung behandelt bestimmte Software und Steuerungen als eigenständige Produkte.
Dazu gehören Software, die Sicherheitsfunktionen beeinflusst, sowie KI gestützte Systeme.
Diese fallen klar in den Geltungsbereich.
Für den Schaltschrankbau bedeutet dies
3.2 High Risk Maschinen und benannte Stellen
Die Verordnung definiert Maschinen mit hohem Risiko. Für diese sind verpflichtende Konformitätsbewertungen durch eine benannte Stelle vorgesehen. Betroffen sind zum Beispiel bestimmte Pressen, Roboter und sicherheitskritische Fördertechnik.
Schaltschränke für solche Maschinen benötigen
3.3 Cybersecurity als zusätzlicher Baustein
Die Maschinenverordnung verknüpft Maschinensicherheit mit Cybersecurity, insbesondere bei vernetzten oder aus der Ferne zugänglichen Maschinen. Hersteller müssen Maschinen gegen Cybergefahren absichern und digitale Risiken in die Risikobeurteilung einbeziehen.
Für den Schaltschrankbau sind zum Beispiel relevant
Es geht dabei nicht zwingend um ein umfassendes IT Security Projekt. Ziel ist ein nachvollziehbarer Schutz sicherheitsrelevanter Steuerungsteile gegen einfache Angriffe und Manipulation.
3.4 Digitale Betriebsanleitungen und Dokumente
Die Verordnung erlaubt digitale Betriebsanleitungen, verknüpft dies aber mit klaren Bedingungen. Anleitungen müssen zugänglich, manipulationsgeschützt und bei Bedarf in Papierform verfügbar sein.
Für den Schaltschrankbau ist relevant
3.5 Wesentliche Veränderung und Retrofit
Die Verordnung schärft den Begriff der wesentlichen Veränderung. Das betrifft Umbauten an bestehenden Maschinen und Schaltschränken. Wenn eine Maschine so verändert wird, dass neue oder andere Gefährdungen entstehen, kann eine neue Bewertung nach der Verordnung notwendig werden.
Typische Beispiele aus der Praxis
4. Konkrete Auswirkungen auf den Schaltschrank
4.1 Technische Unterlagen
Die Verordnung fordert technische Unterlagen, die stärker auf Software, Sicherheitsfunktionen und digitale Aspekte eingehen.
Für den Schaltschrank sollten mindestens folgende Unterlagen sauber abgelegt sein
4.2 Prozesse für Änderungen an Software und Hardware
Künftig geraten Prozesse stärker in den Fokus. Klare Regeln sind sinnvoll
Ein schlanker, schriftlich fixierter Änderungsprozess erleichtert Audits und Kundennachweise.
4.3 Rollen und Verantwortlichkeiten
Die Verordnung definiert verschiedene Wirtschaftsakteure wie Hersteller, Einführer und Händler. Für außerhalb der EU ansässige Hersteller wird ein in der EU ansässiger Verantwortlicher benötigt, der bestimmte Aufgaben übernimmt.
Im Projektgeschäft mit Sondermaschinen sollten daher unter anderem folgende Punkte geklärt sein
5. Maßnahmen ab 2025, 5 Punkte Checkliste
5.1 Bestandsaufnahme
Erstellung einer Übersicht bestehender Maschinen und Schaltschränke mit Angaben zu
5.2 Lückenanalyse zur Maschinenverordnung
Vergleich der heutigen Prozesse mit den Anforderungen der Verordnung
Interne Audits oder externe Unterstützung können hier unterstützen.
5.3 Normenstrategie definieren
Festlegung, mit welchen Normen Sicherheitsfunktionen und elektrische Ausrüstung abgedeckt werden, zum Beispiel EN ISO 13849, EN 62061, EN 60204 1. Standardlösungen und Bibliotheken sollten zu diesen Normen und zur neuen Verordnung passen.
5.4 Änderungsmanagement und Cybergrundschutz etablieren
Definition einfacher, praktikabler Regeln
Ziel ist Nachvollziehbarkeit der Änderungen, nicht maximale IT Komplexität.
5.5 Schulung von Teams und Partnern
Schulung von Konstruktion, Projektleitung, Service und Einkauf zur neuen Verordnung
So wird Wissen im Team verbreitet und nicht nur auf einzelne Experten konzentriert.
Die EU Maschinenverordnung 2023/1230 erhöht die Anforderungen an Maschinen und an die dazugehörigen Schaltschränke. Wer im Zeitraum bis 2027 Prozesse, Dokumentation und Rollen klar strukturiert, reduziert das Risiko von Verzögerungen und Diskussionen bei Abnahmen und Audits.

